Das Internet - ein fliegender Teppich fuer die Kunst

 

Von Dr. Rodney ‚Pygoya’ Chang, Curator.
Webmaster & Cyberartist of www.lastplace .com

 

 

Ich danke dem East Hawai’i Cultural Center (EHCC), das es mir ermoeglichte, meine 2. Ausstellung globaler ‚Cyberart’ an einem physischen Ausstellungs-Ort zu organisieren. Meine erste Ausstellung dieser Art war 1999 in Kalkutta (Indien).

Seit 1997 habe ich in meinem virtuellen Kunstmuseum ‚Truly Virtual Web Art Museum’ ueber 50 Online-Kunst-Ausstellungen errichtet. Als ‚virtuell’ bezeichne ich Kunst, die ausschliesslich im Internet praesentiert wird. Also keine Drucke, wie in der Show im East Hawai’i Cultural Center. Im wesentlichen ist dies vor allem eine Kunstform des Internets und bildet als solche eine eigene (Cyber) Kultur.

Meine Vorgehensweise diese Ausstellung mit digitaler Kunst zu organisieren, bestand darin, das Internet nach Bildern mit Fine Art Qualitaeten zu durchsuchen, die in ihrer Art auch das Land in dem der jeweilige Kuenstler lebt, repraesentieren. Ich bin so kuehn, die Digitale Kunst als ‚Cyberart’ zu bezeichnen, weil diese Arbeiten ausschliesslich im Internet und nicht als gedruckte Exemplare für den ‚irdischen Gebrauch’ zur Verfuegung stehen. Fuer die EHCC-Show wurden 24 Bilder als repraesentative Arbeiten für 21 Laender ausgesucht. Drei der Arbeiten, einschliesslich meiner, die Hawaii repraesentiert, kommen aus Amerika und zwei aus Deutschland. Als Teil der Ausstellung wird ein Computer die Bilder als permanente ‚Dia-Show’ zeigen. Dies ermoeglicht einen interessanten Vergleich zwischen den virtuellen Originalen online und den gerahmten Drucken offline.

Galerie 1

Einige der Arbeiten wurden ausgesucht, weil sie einen ausgepraegten Sinn für Orte aufweisen. ‚City Stars’ von Cynthia Fredrick aus North Carolina, USA z.B. fesselt durch ihre zauberhafte Darstellung naechtlichen Lebens im Hinterhof - aus der Sicht einer streunenden Katze!

Man hoert foermlich den Bongo-Rhytmus der Nacht in ‚La llamada’, wenn man das Bild von Alejandro Silveira aus Uruguay betrachtet. Diese abendlichen Taenzer und Saenger sind echte Nachkommen der afrikanischen Sklaven, die vor Jahrhunderten in dieses kleine, suedamerikanische Land gebracht wurden.

Wenn die Einrichtung des ‚Old Pub’ von Nonbe aus Japan alt ist, welche Fortschritte haben dann wir hier auf Hawaii bezueglich der Integration von moderner Technologie gegenwaertig vorzuweisen?

Und dann ist da noch der Jugoslawische Architekt Kolja Tatic der die einsamsten und unheimlichsten Szenen - wie den ‚Big Room’ - konzipiert, die mir je im Netz begegnet sind.

Galerie 2

Sie lieben Farben und leben in diesem gesegneten regenbogenfarbigen Landstrich den wir Hawaii nennen? Dann wird Ihnen ‚A Star Is Born’ von Karin Kuhlmann aus Deutschland gefallen. Ich frage mich allerdings, ob wir hier in Hilo eine solche Orchideen-Art finden koennten.

Auf einer karibischen Insel blueht Fernanda Steeles Cyberart mit natuerlicher Anmut. Eine Melodie für das Auge, die voellig vergessen laesst, dass dieses Bild durch ein mathematisch basiertes Fraktal Programm generiert wurde. Versuchen Sie, ‚Activity In The Forest’ untermalt von Reggae-Klaengen zu betrachten.

Ich selbst, im Internet als Pygoya bekannt, trage mit dem Bild ‚Cyberwalk’ zur Show bei. Dabei versuche ich eine Bruecke zu schlagen zwischen traditioneller und digitaler Kunst durch die Erzeugung eines raeumlichen Gefuehls, suggeriert durch keramische und lava-aehnliche Texturen die ihre Waerme durch natuerliches (in Wirklichkeit jedoch Computer generiertes) Licht erhalten.

‚Amazing Instrumen’, von Joeser Alvarez aus Brasilien, ist der erotischste Beitrag zur Show. Haengende, gefuellte sackaehnliche Objekte, die, obwohl sie vom Computer generiert wurden, die Grenzen unserer unterschwelligen Sinnlichkeit reizen.

Galerie 3

Mein Geist wendet sich dem Bild ‚The Inner Offering’ des Spaniers Atmàn Victor zu, der nicht nur technische Perfektion am Computer demonstriert, sondern auch ein Bild zeigt, das unmoeglich mit anderen kuenstlerischen Mitteln herzustellen waere.

Mariano Petit de Murat aus Mexiko kontrastiert in seiner Arbeit ‚Born Again’ die embryonale Ruhe mit biologischer Manipulation, dargestellt als Angriff auf die geistige Entwicklung des Foetus.

Ruhiger ist ‚Bead’ von Hina Bhatt aus Indien. Die symmetrisch ausbalancierten und lichtdurchlaessigen geometrischen Formen schaffen ein entspannendes Karma.

‚Rouge et noir’ von Panda Gelen aus Holland dagegen verbindet die Kraft des Mandalas mit rudimentaeren, schild-aehnlichen, mittelalterlichen Verzierungen, welche die scheinbar zeitlosen Strahlen einer ewigen Sonne reflektieren.

Galerie 4

Der 11. September aenderte unser aller Leben. Kuenstler koennen nicht anders, als ihre Welt zu reflektieren. Daher gibt es viele kuenstlerische Arbeiten, die sich mit den grauenhaften Ereignissen dieses Tages auseinandersetzen. Fuer Jonathan White aus New York stehen auf dem Bild ‚Downtown, USA’ die beiden Tuerme immer noch und die Skyline von Manhatten badet in goldenem Licht. Aber statt eines natuerlichen Himmels huellt die amerikanische Fahne die Gebaeude in ein glorioses Leichentuch - wie eine schuetzende Decke vor drohenden Gefahren von oben...

Der Italiener Alessandro Palmigiani bedient sich einer einfachen aber wirkungsvollen Metapher: Er zeigt die Tragoedien von Hiroshima, Tschernobyl und New York als eine Gruppe giftiger Pilze - ‚Poison Mushrooms’.

Die Menschen rund um die Welt waren schockiert über das, was sie in den Nachrichten sahen und hoerten. Dies beinhaltet die Arbeit des Daenen Jens Bygvraa, der ‚einfach nur’ ein ‚Terometer’ entwickelte, das die in den Tuermen - wie in einer Falle - eingeschlossenen Menschen darstellt, den drohenden Tod vor Augen.

Obwohl ‚3 Souls Waiting’ von Steve Danzig aus Australien keine direkte Reaktion auf die Ereignisse des 11.September darstellt, vermittelt das makabere Bild von drei Seite an Seite ruhenden Koerpern den beklemmenden Eindruck ploetzlich verlorenen Lebens - offensichtliche Opfer einer Katastrophe.

Galerie 5

Die Expressionisten ueberlebten das 20.Jahrhundert und setzen ihre Arbeit auch im digitalen Koenigreich dieses neuen Jahrtausends fort. Mit sichtbar gemachten Gefuehlen huldigen sie den Billionen Bits von Text-Informationen im Internet. Fuehlen Sie den rohen Schmerz im Bild ‚Estrange’ der Kanadierin Ansgard Thomson. Eine Lage von Grundfarben wird willkuerlich eingeschnitten, aehnlich dem Ergebnis einer Attacke purer Aggression, nur um die naechste, jetzt unterstreichende Lage zu enthuellen, anfaellig fuer weitere traumatische Handlungen.

Im Gegensatz zu diesen ungestuemen Gefuehlen, ausgedrueckt in Pixeln, steht das Bekenntnis zu wohltuender, klassischer Musik. Farbharmonien, im Einklang mit rhytmisch angeordneten grafischen Linien, die ein wellenfoermiges Geruest fuer die Aussage ‚I Love Classical Music’ von Soonyoung Lee aus Korea bilden.

Christa Nussbaumer aus der Schweiz zieht es vor, mit schwarz/weissen Radierungen oder Lithografien zu arbeiten und vervollstaendigt diese durch digital manipulierte Fotos. Ihr Bild ‚Egoiste’ zeigt das Super Ego der heutigen Jugend, die alle in eifrigem Gedraenge offenbar nur ein Ziel haben: Die alleinige Aufmerksamkeit des Betrachters zu gewinnen.

Dem spaeten George Harrison erweist Beatles Fan Ingrid Kamerbeek aus Deutschland mit ‚He’s gone’ die Ehre. Ihre Arbeit ist durchfluted mit Licht aus dem Jenseits. Das Koerperliche loest sich auf in eine andere Dimension. Fuer alle Zeiten erdgebunden, jedoch in Mystizismen eingehuellt, entsprechend der Suche des Musikers nach der geistigen Natur in Indien, die seine Musik inspirierte.

Galerie 6

‚Woman’ von Marja-Leena Pelho aus Finnland konfrontiert uns mit den neuen, imaginaeren und durch Computer Grafik-Software geborenen Menschen. Hier wird der Betrachter sofort von den verfuehrerisch blauen Augen einer jungen Frau, in einem perfekt geformten Gesicht, eingenommen. Umrahmt wird das Gesicht von ausgebreitetem, lebendig spruehendem, rot-goldenem Haar, der Maehne eines majestaetischen Loewen, der aufgeschreckt wurde, nicht unaehnlich. ‚Woman’ veranschaulicht den Realismus der sich durch ‚Avatar’ erzielen laesst. 3D-Figuren, die entwickelt wurden um in 3D-Online Chat-Raeumen und an anderen virtuellen Orten des Internets zu agieren.

Eine andere Form kraftvoller Computer Grafik ist die Rueckkehr zu Motiven aus weniger schwierigen Zeiten., wie die auf einem Tisch angeordneten Objekte fuer das Stilleben. ‚Bread’ von Pim Lindahl aus Schweden. Er greift die Grundzuege des Oel-Pastells auf und versucht eine digitale Annaeherung. Die elektronischen Mittel erzeugen jedoch weitaus mehr als das traditionelle Kunst Klischée vermag, weil uns das ‚gepixelte’, elektronisch erzeugte Licht, ein Stil-Mittel der Vergangenheit auf ueberraschend neue Weise wahrnehmen laesst.

Eine ganz andere Kunst Form greift der Kubaner William Borrego Bustamente aus Kuba auf. Obwohl das Bild ‚Estructura Oculta los Pabellones’, dessen Arrangement von Objekten auch nackte Koerper in verschiedenen Stellungen aufweist, vom Kuenstler selbst als okkultistisch bezeichnet wird, hat das Bild eindeutig surrealistischen Charakter.

Zuletzt meine russische Freundin Catherine Yakovina, die mit ihrem Bild ‚Children and Information’ ihre Betroffenheit zeigt über die Informationsflut, die gleichermassen über Alte und Junge hereinbricht. Sie befuerchtet, dass dies zu einer unbeabsichtigten Gleichschaltung und zum Verlust der Individualitaet fuehren kann.

Diese Show wurde auch zusammengestellt, um ziellosen Jugendgruppen von Big Island die Gelegenheit zu geben, sich mit internationaler Kunst auseinander zusetzen. Es ist die Hoffnung des EHCC und auch die meine, dass die jungen Menschen die digitale Kunst nicht nur wie jede andere Kunstform betrachten und zwar ohne die aesthetischen Vorurteile der traditionellen Kuenstler und Kritiker, sondern dass sie vielleicht sogar in Betracht ziehen sie selbst zu erlernen. Durch die voellig verschiedenen Bilder und Inhalte sehen sie auch eine Allgemeinheit von Kuenstlern rund um die Welt, die, egal aus welchem Land sie kommen, die Bedingungen menschlichen Seins zum Ausdruck bringen

 

 

 

German Translation courtesy of Karin Kuhlmann
"Digital Worlds" <digitalworlds@karinkuhlmann.de>